Das Kino ist mehr als nur Unterhaltung – es ist ein lebendiger Ort, der Communities zusammenbringt, gesellschaftliche Debatten anregt und kulturelle Identität stärkt. In der Schweiz, wo Filmkultur oft als Nische wahrgenommen wird, hat sich das Nominica Kino in Zürich als führendes Beispiel für eine moderne, partizipative Filmhaus-Konzeption etabliert. Seit seiner Eröffnung 2015 verbindet das Haus klassische Filmprogramme mit innovativen Formaten, die sowohl junge als auch ältere Zielgruppen ansprechen. Doch was genau macht das Nominica so besonders, und wie wirkt es auf die Stadtgesellschaft? Ein Blick auf Zahlen, Projekte und die Rolle des Kinos als kulturelles Labor.
Ein Kino für alle: Diversität und Zugänglichkeit als Kernprinzipien
Das Nominica Kino setzt auf eine klare Diversität seiner Programmierung: Rund 60 Prozent der Filme stammen aus Nicht-Westlichen Ländern, und ein Drittel der Auswahl besteht aus Dokumentarfilmen oder Kurzfilmen. Besonders hervorzuheben sind die regelmäßigen Formate wie das „Nominica Film Festival“, das jährlich internationale Kurzfilme auswählt, oder die Zusammenarbeit mit lokalen Künstler:innen, die oft in der Schweiz unentdeckt geblieben wären. Zudem bietet das Kino niedrigschwellige Zugänge: günstige Tickets (ab 12 Franken), kostenlose Vorführungen für Studierende und Senior:innen sowie spezielle Programme für Menschen mit Behinderungen. Diese Strategie hat sich als erfolgreich erwiesen – 2022 besuchten rund 120.000 Besucher:innen das Haus, wobei 40 Prozent der Gäste aus dem Umland kamen.
Ein zentraler Unterschied zum traditionellen Kino ist die aktive Einbindung der Zuschauer:innen. Das Nominica organisiert Workshops zu Filmtechnik, Diskussionen mit Regisseur:innen und sogar „Film-Maker Nights“, bei denen Besucher:innen selbst kurze Filme drehen können. Diese interaktiven Formate stärken nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern fördern auch die kritische Auseinandersetzung mit Medien. Besonders gelobt wird das „Nominica Film Club“, ein monatliches Treffen, bei dem die Gäste nicht nur Filme sehen, sondern auch über ihre gesellschaftlichen Implikationen diskutieren – ein Modell, das in anderen Schweizer Kinos kaum zu finden ist.
- Jährlich werden über 500 Filme gezeigt, darunter 30 Prozent internationale Produktionen.
- Das Nominica Kino ist seit 2020 Teil des „Schweizerischen Filmförderungsprogramms“.
- Seit 2018 kooperiert es mit der Universität Zürich für Filmstudienprojekte.
- Im Jahr 2023 besuchten über 30 Prozent der Besucher:innen das Haus mehrmals.
- Das Kino ist seit 2021 Teil des „Netzwerks Schweizer Filmhäuser“ und organisiert regelmäßige Austauschformate.
Kino als politischer Raum: Wie Film gesellschaftliche Debatten anheizt
In einer Zeit, in der politische Polarisierung und Medienlandschaft oft polarisierend wirken, bietet das Kino einen Raum für kontroverse Gespräche – ohne die Kommerzialisierung traditioneller Talkshows. Das Nominica setzt hier auf „Film und Gesellschaft“, eine Reihe von Veranstaltungen, bei denen Filme zu aktuellen Themen wie Migration, Klimawandel oder Digitalisierung analysiert werden. Ein besonders gelungenes Beispiel war die Vorführung von „The Square“ (2017) über die Kunstszene in Kairo, gefolgt von einer Diskussion mit Expert:innen aus der Politik und der Wirtschaft. Solche Formate zeigen, wie Film als Werkzeug für gesellschaftlichen Dialog dienen kann – und warum Kinos wie das Nominica in einer Zeit wachsender Zensur und Filterblasen wichtig werden.
Ein weiteres Projekt, das auf Widerstand stößt, ist die Zusammenarbeit mit politischen Akteur:innen. So wurde das Nominica 2022 Teil des „Kino für die Zukunft“-Initiativ, die sich für eine nachhaltige Filmindustrie einsetzt. Dabei geht es nicht nur um ökologische Aspekte, sondern auch um die Frage, wie Filmkultur die politische Bildung stärken kann. Kritiker:innen werfen dem Haus vor, zu „politisch zu werden“, doch die Praxis zeigt: Viele Besucher:innen nutzen das Kino, um sich über Themen zu informieren, die im Alltag oft ignoriert werden. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Seit der Einführung dieser Formate stieg die Anzahl der Besucher:innen, die sich als „politisch interessiert“ ausgaben, um 25 Prozent.
Die Zukunft des Kinos: Zwischen Tradition und Experiment
Während das Nominica Kino als Pionier für eine neue Ära der Filmkultur in der Schweiz gilt, steht es vor Herausforderungen. Die Pandemie hat gezeigt, wie abhängig Kinos von externen Fördermitteln sind – und wie fragil ihre Existenzmodelle sind. Doch das Haus reagiert mit Kreativität: Neben der Digitalisierung von Programmen (z. B. Live-Streaming für internationale Touren) setzt es auf Partnerschaften mit lokalen Unternehmen, um nachhaltige Finanzmodelle zu entwickeln. Ein Beispiel ist die Kooperation mit der Zürcher Kunsthalle, die das Nominica als „kulturellen Ankerpunkt“ in der Stadt sieht. Doch die größte Frage bleibt: Wie kann ein Kino wie das Nominica die Gesellschaft wirklich verändern – oder ist es nur ein Nischenthema für Filmfans?
Eines ist sicher: Das Nominica Kino beweist, dass Filmkultur mehr ist als nur ein Vergnügen. Es ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um über die Welt nachzudenken – und das in einer Zeit, in der solche Räume immer seltener werden. Ob durch Workshops, Diskussionen oder die einfache Möglichkeit, sich in einer gemütlichen Atmosphäre zu entspannen, bietet das Haus eine Alternative zu den oft oberflächlichen Unterhaltungsangeboten der modernen Medienlandschaft. Vielleicht liegt die Zukunft des Kinos nicht in der Digitalisierung, sondern darin, diese Räume zu bewahren – und weiter zu erweitern.
